Kapitel 1.3 „Macht kaputt, was euch kaputt macht!!“

„Wer sind Sie?“
Kaum hatte Professor Ömmel die Frage ausgesprochen, wurde ihm klar, wie albern sie war. Sein Gegenüber würde ihm kaum seine Identität preisgeben, erstaunlich genug, dass er ohne jede Tarnung erschienen war. Es sei denn, jener ginge davon aus, dass der zitternde Villenbesitzer ohnehin zu keiner Täterbeschreibung mehr kommen werde.
Ömmel fror.
„Wie sind Sie eigentlich hier reingekommen?“
„Mit einem passenden Schlüssel!“
„Wo haben Sie deeen denn her?“
„Das ist in dieser Situation nicht von Bedeutung und für Sie auch völlig unerheblich!“
Ömmel fiel die gestelzte Sprache seines Gegenübers auf. ,So reden keine gewöhnlichen Einbrecher‘, dachte er und fragte: „Was wollen Sie von mir?“
„Ich werde Sie töten!“
Professor Ömmel hatte nie einen besonderen Sinn für schwarzen Humor gehabt, nun aber wünschte er sich innig, der Eindringling scherzte.
Es entstand eine kurze, sonderbare Pause, so als ob jeder von beiden erwartete, dass der andere die Unterhaltung fortführe.
„Wollen Sie nicht wissen, warum ich Sie erschießen will?“
„Ist das wichtig?“
„Für mich schon!“ sagte der Fremde.

Der Unbekannte richtete die Waffe ungelenk auf den Hausherrn, dieser sank noch tiefer in seinen Sessel. Professor Ömmel taxierte den Mann. Jener mochte etwa ebenso alt sein wie er selbst, so um die siebzig. Sein Gegenüber trug schwarze Lederhandschuhe und sah eigentlich nicht aus wie ein Verbrecher. Eher wie ein Versicherungsvertreter für Riester-Rente, aber wo war da schon der Unterschied? Allerdings war da noch die Waffe.
Als Ömmel sich vom ersten Schock erholt hatte, versuchte er, auf Zeit zu spielen.
„Wollen Sie Geld von mir? Ich habe ein bisschen was im Haus, das können Sie gern haben.“
Kaum hatte Ömmel es ausgesprochen, ärgerte er sich. Gerade hatte er dem Fremden eines seiner letzten Hemden angeboten.
Der Eindringling schien verblüfft über die großzügige Offerte. Und er war nicht geneigt, das Angebot abzulehnen.
„Gut. Wo liegt es?“
Für Ömmel gab es nun kein Zurück mehr. Jetzt machte es wenig Sinn, den Einbrecher zu einem falschen Versteck zu führen. Und es wäre wohl nicht klug, den Knaben mit der Knarre zu reizen.
„Im Arbeitszimmer. Im Schreibtisch. In einer verborgenen Schublade.“
„Gehen Sie langsam voran und ….“
„Ich weiß …. und versuchen Sie nicht den Helden zu spielen!“ Ömmel versuchte den Tonfall des Fremden ein wenig zu imitieren. Ein Hauch von Hoffnung keimte in ihm auf.
,Aha, er will mich doch überleben lassen, wenn ich brav tue, was er sagt. Ich habe mein Leben lang immer gerne das getan, was man mir sagte‘, dachte er in einem plötzlichen Anfall von Selbstironie.

Professor Heinrich Ömmel erhob sich zögernd und schritt unsicher in Richtung Arbeitszimmer. Seine Gedanken suchten nach Erklärungen für die Situation.
,Ob er mich wirklich umbringen will oder ob er nur blufft? Vielleicht besänftigt ihn ja das Geld? Vielleicht sollte ich ihm anbieten, der Polizei, ach, aller Welt gegenüber unsere nächtliche Begegnung zu verschweigen? Ob Jasminchen früher zurückkommen könnte als üblich? Lieber nicht, das würde die Lage nur komplizieren. Helfen kann sie mir ohne-hin nicht.‘
Der Herr des Hauses war vor seinem prächtigen weißen Schreibtisch angekommen, der Einbrecher hatte den Sicherheitsabstand von drei Schritten eingehalten.
Professor Ömmel zog die oberste Schublade auf. Dann griff er unter einen Briefstapel und holte einen kleinen Schlüssel hervor.
Das Schloss des Geheimtresors knackte.
„Wie viel sind es?“
„Etwa 100 000 Euro. Hunderter und Tausender. Unregistrierte Scheine.“
In Ömmels Stimme schwang fast so etwas wie Stolz.
„Eine Menge Holz!“
„Ich habe gut verdient in meinem Leben.“
„Aber wie Sie es verdient haben, das verdient den Tod!“
Ömmel schaute den Einbrecher verwundert an.
„Was wissen Sie schon von meinen Geschäften?“
„Das wird Sie überraschen, aber ich weiß ziemlich viel.“
Ömmel wurde sich plötzlich bewusst, dass sein Gegenüber ihn immer noch siezte. Ein gemeiner Verbrecher hätte ihn sicherlich geduzt, aber die Situation war nicht unbedingt dazu angetan, sich gegenseitig das „Du“ anzubieten.
Der Fremde sah sich im Zimmer um und suchte offensichtlich nach einem passenden Behälter für das Bare. Sein Blick fiel auf eine Jutetasche, die im Bücherboard hinter dem Schreibtisch lag. Er ging auf das Regal zu, nahm die Tasche und warf sie Ömmel zu.
Sie fiel auf den Boden. Ömmel machte einen Schritt vor um sie aufzuheben, der Fremde ging aufmerksam einen Schritt zurück.
„Packen Sie die Scheine ein.“
Ömmel zitterte. Es dauerte.
Als sich die Tasche langsam füllte, konnte man auch die Schrift lesen, die auf der Außenseite der Jutetasche prangte:
„Macht kaputt, was euch kaputt macht!!“
Des Fremden Blick fiel auf den Schriftzug.
„Lesen Sie!“ befahl er Ömmel. Der las brav:
„Macht kaputt, was euch kaputt macht!!“
„Richtig“, sagte der Mann mit der Pistole!
„Sie und Ihresgleichen haben diesen Staat kaputt gemacht! Nun werden Sie kaputt gemacht.“
Ömmel hatte den alten Sponti-Spruch mal ganz lustig gefunden, in diesem Moment hatte er aber keine rechte Freude daran.
„Stellen Sie die Tasche auf den Boden. Und treten Sie zurück!“
Der Fremde griff hastig nach dem Geld.
Irgendwie hoffte Ömmel auf eine unverhoffte Wendung. Beflissen folgte er den Befehlen.
„Ziehen Sie die Schreibtischschubladen ganz heraus und verteilen Sie den Inhalt auf dem Fußboden.“
„Wozu das denn?“
„Fragen Sie nicht! Tun Sie, was ich sage!“

Rezension des Krimis in der “Deutschen Sprachwelt”

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