Kapitel: 1.4 Ein verlogener Kriminologe

Sie waren zurück ins Wohnzimmer gegangen. Der Hausherr saß zusammengesunken in seinem Sessel, der Fremde stand drei Schritte vor ihm. Das Kaminfeuer war inzwischen heruntergebrannt, und von einer anheimelnden Atmosphäre konnte schon länger nicht mehr die Rede sein.

Der Fremde schien das Ende ihres Gespräches einleiten zu wollen. Er hob die Pistole und erhob Anklage.

„Herr Professor Ömmel, ich beschuldige Sie der ungerechtfertigten Bereicherung auf Kosten des Steuerzahlers!“

Jetzt war Ömmel verblüfft.

„Na, hören Sie mal! Ich war Politiker, da ist das doch das Mindeste, was man erwarten kann. Schließlich hatte ich nur 30 bezahlte Nebenjobs, die Spitzenreiter hatten über 60.“

„Sie waren Europaabgeordneter in Straßburg, haben reichlich Kohle dafür kassiert und so gut wie nie den Sitzungssaal von innen gesehen.“

„Na und? Da befand ich mich in bester Gesellschaft mit vielen anderen Abgeordneten!“

„Herr Professor Ömmel“, der Fremde redete förmlich, „außerdem waren Sie jahrelang regierungsamtlicher Kriminologe. Sie haben Zahlen gefälscht.“

Zum ersten Mal schien die Angst bei Ömmel ein wenig zu weichen.

„Ja, und? Ist das ein Verbrechen? Das haben doch alle ab den neunziger Jahren getan. Die Zeiten wurden schlechter. Je mehr die Kriminalität zunahm, je weniger reale Erfolgsmeldungen auf dem Sektor der Kriminalität zu verzeichnen waren und je mehr Ausländer an den Straftaten beteiligt waren, desto wichtiger wurden die positiven statistischen Quoten.“

Die gewohnten Vokabeln – ,Erfolgsmeldungen‘ – ,zu verzeichnen waren‘ – ,statistische Quoten‘ – gaben seiner Stimme Halt und Härte.

„Sie haben bewusst die Öffentlichkeit getäuscht.“

„Das war gewünscht. Von oben. Um den sozialen Frieden zu sichern!“

„Das sagt man immer so, wenn man die Wahrheit unter den Tisch kehren will!“

Ömmel fuhr unbeirrt fort:

„Um den sozialen Frieden zu sichern, durften die ganzen Probleme, die die Zuwanderung mit sich gebracht hat, nicht ans Licht kommen. Außerdem war unsere Parteigenossin, Frau Ministerin Arm-Leuchter, für die ziemlich ungehinderte Zuwanderung zuständig. Die Dame hat damit – nach den vielen ergebnislosen Psychotherapien – ihr angeknackstes Selbstwertgefühl aufpoliert. Für die mühselig Beladenen der ganzen Welt den Retter zu spielen, das hat schon was. Sie fühlte sich wieder wohl und hat auf weitere Therapien verzichten können. Das müssen Sie gegenrechnen!“

 

Der Fremde zog sich einen Stuhl heran, ohne dabei die Augen von Ömmel zu lassen. Er drehte den Stuhl um und legte die Pistole auf die Lehne. Die Mündung war unentwegt auf den kreidebleichen Kriminologen gerichtet. Offenbar wollte der Mann verhindern, dass sich eine entspannte Gesprächsatmosphäre einstellte.

„Wer hat die Fälschungen gewollt?“ fragte er und verlieh seiner Stimme etwas mehr Schärfe.

Ömmel jaulte auf.

„Nicht einer! Alle! Nicht bloß gewollt, ich meine, so angedeutet oder so, sondern angeordnet. Alle, die was zu sagen hatten.“

Der Villenbesitzer schloss die Augen und fuhr mit seiner Verteidigungsrede fort.

„Alle haben mitgemacht. Die Medien sollten die Herkunft eines Straftäters nicht mehr nennen. Haben Sie eine Tageszeitung gesehen, die sich nicht daran gehalten hat? Wenn ein deutscher Strolch geschnappt wird, steht die Herkunft immer dabei, so als ob man stolz darauf ist, dass auch wir unsere Kriminellen haben. Wenn nichts dabei steht, muss sich jeder sein Teil denken.“

Der Fremde nickte zustimmend.

Ömmel kriegte ein wenig Oberwasser und fuhr mit seiner Verteidigungsrede fort:

„Ja, ich gebe es zu, wir im Kriminologischen Institut haben Daten frisiert, Listen gefälscht und Meinungen manipuliert.“

„Und Sie haben brav mitgemacht.“

Professor Ömmel meinte, sich jetzt ein wenig Spott leisten zu können.

„Na, Sie sind lustig! Was meinen Sie, warum ich den Posten als Leiter überhaupt gekriegt habe? Im Übrigen wollten wir alle nur das Beste. Wir waren der Meinung, dass wir das schlichte Volk nicht zu sehr beunruhigen sollten.“

Professor Ömmel wollte sich erheben, um seiner Verteidigungsrede durch zusätzliche Gestik größere Wirkung verleihen zu können. Ein energischer Wink mit der Waffe ließ ihn wieder in den Sessel sinken.

Der Fremde schien plötzlich genug von ihrem Gespräch und Ömmels freimütigen Geständnissen zu haben.

„Ihr Gequatsche ist nicht gut für meine Gesundheit“, sagte der ungebetene Gast. Es schien, als wollte er zur Tat schreiten.

Rezension des Krimis in der “Deutschen Sprachwelt”

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