Kapitel 1.1 Ein ungemütlicher Abend

Kapitel 1.1 Ein ungemütlicher Abend vor dem Kamin beginnt

Professor Heinrich Ömmel war ein Alt-Achtundsechziger und mittlerweile 68. Eigentlich kein Alter, aber seit seine Alte ihn betrog, fühlte er sich gealtert. Dabei war seine Ehefrau Jasmin gar nicht mal so alt, sondern erst kurz über vierzig. Eigentlich schwärmte Professor Ömmel auch für die multikulturelle Gesellschaft und betrachtete die Dönerbuden als eine bemerkenswerte Bereicherung der abendländischen Kultur. Aber seit seine Frau Jasmin mit einem Fremdländer fremdging, war seine Freude an gegenseitiger kultureller Befruchtung etwas getrübt. Ömmel fühlte sich einsam und verlassen. Er war allein in seiner großzügigen Villa, saß im Sessel und starrte in das Feuer des offenen Kamins. Er blickte in das unruhige Flackern der Flammen und bildete sich ein, in das Spiegelbild seiner Seele zu sehen.

Professor Heinrich Ömmels Villa lag im Nobelviertel der Stadt, oben am Waldrand, dort, wo sich die Vornehmen und die Füchse Gute Nacht sagen. Das Haus befand sich auf einem großen Grundstück, durch Bäume fast verdeckt. Ein imposantes Gebäude mit einer Doppelgarage am Ende eines Kiesweges, der von der Straße auf das Grundstück führte. Ömmel hatte lange nach einem derartigen Altersruhesitz Ausschau gehalten. Er verachtete die Menschen und wollte sie sich weitgehend vom Leibe halten. Einzig die Nähe seiner Frau Jasmin suchte er, aber diese hielt sich leider ihn vom Leibe. Heinrich Ömmel sah nicht zum ersten Mal sorgenvoll einem freudlosen Abend entgegen. Seine Frau Jasmin war vor einer halben Stunde zu ihrem Fitness-Training aufgebrochen, flott und fröhlich pfeifend. Komisch, wenn sie mit ihm zusammen war, war sie stets übellaunig und zänkisch. Seit einem halben Jahr verabschiedete sich sein Jasminchen dreimal die Woche, pünktlich um 19 Uhr, und kam erst so gegen 23 Uhr wieder nach Hause, in bester Laune und sehr fröhlich pfeifend. Ömmel vermutete zu Recht, dass ihre aufgeräumte Stimmung zwar auch mit der körperlichen Ertüchtigung zusammenhing, aber mehr noch mit dem türkischen Studiobetreiber. Es gab deutliche Hinweise dafür, dass Ali Güdücür sie mit seiner sexuellen Leistungsfähigkeit beglücken würde.

Der Hausherr legte ein Holzscheit in den Kamin nach und dachte verbittert: „Dieses Flittchen. Ich habe sie aus dem horizontalen Gewerbe geholt und nun liegt sie schon wieder flach.“ Er entschloss sich, eine Flasche feinsten Weines aus dem Keller zu holen. Als Trost, zur Aufhellung seiner Laune. Mühsam erhob er sich aus seinem Sessel, die Gelenke machten auch nicht mehr so richtig mit. Er schlurfte durch das Kaminzimmer auf den Flur, öffnete die Tür zum Keller und lauschte treppab missmutig dem Knacken seiner Knie. Langsam hangelte er sich am Geländer die Kellertreppe hinunter. Ömmel hatte gerade eine Sendung erlesener Rebensäfte aus dem Rheingau erhalten. Er nahm eine Flasche aus dem Regal und las auf dem Etikett: ,2008er Riesling Spätlese Johannisberger Hölle‘. ,Ein Wein aus der Hölle, das wäre für meine häusliche Hölle jetzt genau das richtige‘, murmelte er verdrießlich. Der Weinhändler hatte ihm eine Weinkarte mitgeschickt, in der mit vollmundigen Worten der jeweilige Tropfen beworben wurde. Ömmel suchte die Beschreibung seiner Johannisberger Hölle und las frustriert: „Der ideale Wein, um das Leben in vollen Zügen zu genießen….“ Das traf allerdings nicht unbedingt seine gegenwärtige Gemütsverfassung! Er legte die Flasche verärgert ins Regal zurück, entschied sich für ei-nen „2008er Kerner Spätlese Geisenheimer Kläuserweg“ und las: „Etwas für die Seele, den Körper; heilt zu 100 Prozent bei Melancholie, Lustlosigkeit und Knoten in der Seele. Oder einfach: Trost ohne Worte.“ Das war genau der Balsam, den er jetzt brauchte. Zurück im Kaminzimmer entkorkte Ömmel die Flasche und schenkte sich ein. Ächzend ließ er sich wieder in seinen Sessel vor den Kamin fallen, trank ein paar Schluck und wartete auf die wohltuende Wirkung des Geisenheimer Kläuserweges. Vergebens.

Professor Heinrich Ömmel stand auf und legte ein neues Stück Buchenholz in den Kamin. Dann setzte er sich zurück in seinen Sessel und beobachtete, wie sich die Flammen an dem Scheit hoch fraßen. Heinrich Ömmels Gedanken wanderten wieder zu seiner Gattin. Wehmütig dachte er an die Anfänge ihrer Beziehung. Wie hatte Jasmin ihn damals hofiert und verwöhnt. Er hatte sie auf einer Dienstreise kennen gelernt. Sie hatte in München als Domina in einem entsprechenden Etablissement gearbeitet, und Ömmel hatte ihr Leistungsangebot zu schätzen gewusst. Er hatte ihr zwischen den verschiedenen Positionen prahlerisch von seiner eigenen beruflichen Position erzählt und auf diese Weise ihre Begehrlichkeit geweckt. Sie sah in ihm die große Chance, sich aus ihrem misslichen Gewerbe zu befreien, zumal es mit ihren Brüsten ohnehin langsam bergab ging. Die Interessen der Beiden überschnitten sich. Er wollte ein zweisames Leben führen und suchte eine attraktive Frau an seiner Seite. Sie wollte in die bessere Gesellschaft und suchte einen reichen Mann an ihrer Seite. Sie hatte mit ihm das große Los gezogen. Er hatte mit ihr ähnliches Glück gehabt wie mit seinen Lehman-Zertifikaten.

Das Feuer des Kamins wärmte Ömmel wenigstens ein bisschen von außen. Er griff nach einem Buch von Bruno Brand-Stifter. Bruno war sein Nachbar und schrieb Kriminalromane und Drehbücher. Brand-Stifter konnte nicht sonderlich gut schreiben, aber er hatte die richtige Gesinnung. Die Reichen waren die Bösen, die Frauen die Guten. Neuerdings baute er auch gerne einen dümmlichen Neonazi ein, das gab zusätzlich öffentliche Fördermittel. Bruno Brand-Stifter malte stets mit konturenlosem Schwarz-Weiß ein dumpfes Links-Rechts-Schema. Seine politischen Botschaften waren einfältig. Seine Drehbücher fanden besonders bei der öffentlichen-rechtlichen Anstalt des Stadtstaates B. großen Anklang, weil deren Einfaltspinsel die Bösebuben-Litanei für Sozialkritik hielten. (Eine vollständige Namensnennung scheint an dieser Stelle aus rechtlichen Gründen nicht angebracht.) Ömmel las ein paar Seiten in Brand-Stifters Buch, in dem sich schlichte Sprache und kärgliche Handlung genial ergänzten. Er nahm einen weiteren Schluck aus seinem Weinglas, um die Wirkung des Romans erträglicher zu gestalten. Aber es nützte nichts. Er legte die Schwarte wieder zur Seite und nahm sich eines seiner Pornohefte aus dem geheimen Fach im Bücherregal hinter der Propyläen Weltgeschichte. Aber selbst seine Begierde nach Sado- Maso-Spielchen quälte ihn nicht mehr so wie früher. Das Leben konnte sadistisch sein.

Das Holz knisterte im Kamin und verlieh dem Raum eine behagliche Atmosphäre. Plötzlich knackte es irgendwo im Haus. Ömmel schreckte in seinem Ohrensessel hoch. Er musste eingenickt sein. Ob er sich getäuscht hatte? Ob er geträumt hatte? Der Preis für die Abgeschiedenheit seines Anwesens war die erhöhte Einbruchsgefahr, der er aber als erfahrener Kriminologe durch ein ausgeklügeltes Sicherungssystem begegnet war. Hier kommt so schnell keiner rein, beruhigte er sich. Es sei denn….

Irgendwo knackte ein Schloss. Ömmel saß kerzengerade in seinem Sessel. Er hatte sich doch nicht geirrt. Da war jemand. Sein Herz begann zu rasen. Mühsam versuchte er, Herr seiner aufgeschreckten Gedanken zu werden. Vielleicht war seine Frau früher zurückgekommen? Oder das Dienstmädchen? Er zwang sich aufzustehen, um nachzusehen, woher das Geräusch gekommen sein könnte. Fahrig warf er sein halb volles Weinglas um. Der Reflex, das Malheur aufzuhalten, schlug fehl. Angst stieg in ihm hoch. Er stolperte über einem Holzscheit vor dem lodernden Kamin. Er stürzte. Als er sich aufrappeln wollte, sah er, wie die Klinke heruntergedrückt wurde. Er blieb am Boden hocken und starrte wie hypnotisiert auf die Tür, die sich langsam öffnete. Ein Mann stand vor ihm, eine Pistole in der Hand. Ömmel sah dem Fremden ins Gesicht und es war ihm, als ob er ihn schon mal gesehen hatte. Das Schloss der Waffe knackte. Der Fremde zielte auf den Schlotternden. „Setzen Sie sich!“ befahl der Mann tonlos. Ömmel erhob sich vorsichtig aus seiner Bodenlage und ging mit tastenden Schritten rückwärts. Sein Blick war gebannt auf die geladene Pistole gerichtet. Dann ließ er sich in den Sessel plumpsen. Der Fremde war in angemessenem Abstand gefolgt. Er ließ Ömmel nicht aus den Augen und schien selbst zu zittern. Der Alptraum hatte begonnen.

Rezension des Krimis in der “Deutschen Sprachwelt”

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